Sonderdruck aus IDR Industrie Diamanten Rundschau 32; Nr. 3; September 1998

Doppelhaushälfte mit Diamantseilsäge getrennt

Weil jedes Geräusch vom Nachbarn zu hören war, wurde in Kassel ein Doppelhaus mit der Diamant-Seilsägetechnik vom Dach bis zum Keller getrennt. Trotz unvorhersehbarer Schwierigkeiten konnte das Projekt mit Hilfe dieses schonenden Verfahrens in der vorgesehenen Zeit abgeschlossen werden.

My home is my castle - so lautet die bekannte Devise. Jede Burg ist aber nur so stark wie ihre Mauern und Tore; und jedes Haus ist nur so schallgeschützt, wie es seine Mauern, Fenster und Türen zulassen. Besonders kritisch ist der Schallschutz, wenn die Häuser als Reihenhäuser Wand an Wand gebaut sind und dadurch gegenseitige Störungen befürchtet werden müssen. Ein "energischer Schnitt" empfiehlt sich bei allen hellhörigen Reihenhäusern oder angrenzenden Mietwohnungen von Mehrfamilienhäusern, dessen Bewohner es leid sind, unfreiwillig am Familienleben der Nachbarschaft teilzunehmen.

Schallbrücken

Die Ursache allen Übels ist hier beispielsweise nicht der laute Fernseher, sondern vorhandene Schallbrücken im Bereich der Gebäudetrennfugen. An Gebäuden, gleich welcher Größe, sollen nach Errichtung Trennfugen in vertikaler und horizontaler Richtung vorgesehen werden. Erforderlich sind Trennfugen besonders als:

  • Schalldämmung (z. B. bei Reihenhäusern),
  • Bewegungsfugen (z. B. in Bergsenkungsgebieten),
  • Isolierfuge (z. B. bei eindringender Feuchtigkeit).

Ursachen, welche eine nachträglich zu fertigende Trennfuge erforderlich machen, sind für die vorgenannten Arten stets die gleichen:

  • durchgehende Decken mit und ohne Bewehrung sowie Eisenbrücken (z. B. zu lange Eisenträger),
  • Kunststoffwasserrohre, welche im Bereich der Trennfuge ins Mauerwerk eingebaut wurden,
  • Decken, welche mit sehr weichem Material "getrennt" sind, daß sich jedoch im Laufe der Zeit zusammengepreßt hat,
  • Decken, die nur eine haarspaltbreite Trennung besitzen sowie
  • Schaltafel- und Mörtelreste im Fugenbereich.

Eine befriedigende Schalldämmung nach Fertigstellung des Bauwerks läßt sich mit verschiedenen Verfahren erreichen:

  • Erhöhung der Luftschalldämmung durch das Aufbringen zusätzlicher biegeweicher Vorsatzschalen, beispielsweise aus Gipskarton und einer Dämmschicht aus Mineralfaserplatten.
  • Abreißen einer Wand bei gleichzeitiger Abstützung der Decken, nachträgliches Einbringen einer Dämmschicht und neues Aufmauern der Wand.
  • Nachträgliches Freilegen der Trennfuge von außen.

Nachteilig bei den beiden ersten Verfahren ist jedoch die hohe Belastung der Anwohner, da zumindest eine Neutapezierung notwendig wird. Ferner findet eine deutliche Verringerung der räumliche Nutzungsfläche statt, wenn eine Vormauerung o. ä. geplant ist. Schonend und für die Anwohner mit relativ geringen Belastungen verbunden, kann eine Schalldämmung im allgemeinen durch ein nachträgliches Freilegen der Trennfuge von außen erreicht werden.

Schonend mit Diamantwerkzeugen

In den zurückliegenden Jahren hat sich das Diamantsägeseil in der Bauindustrie überall dort Einsatzgebiete erobern können, wo das Trennen mit schienengeführten Wandsägen nicht möglich ist. Dies trifft insbesondere dort zu, wo dickeres Mauerwerk getrennt werden muß oder der Sägeplatz nicht gut zugänglich ist. Bei der Beseitigung von Schallbrücken wird dieses Verfahren heute sehr häufig eingesetzt, weil damit dünne Schnitte entstehen und die Schädigung der Bausubstanz weitestgehend vermieden wird (Bild 1). Je nach Problemstellung und Schwierigkeitsgrad kommt entweder die Ketten- oder die Seilsäge zum Einsatz. Beide Geräte sind mit ferngesteuertem Doppelantrieb und automatischer Ketten- oder Seilspannung ausgerüstet und lassen sich auch auf engstem Raum anwenden. Der notwendige seitliche Abstand beträgt 1000 mm.

Anwendungsbeispiel

Schon im Rohbau eines Doppelhauses in Kassel hatte es Schallübertragungen gegeben. Die eingesetzten Gutachter identifizierten als Ursache eine Decke, die durch die beiden Haushälften durchbetoniert wurde. Den Auftrag zur Herstellung einer fachgerechten Gebäudefuge erhielt die Firma Hermann Schützeichel GmbH, Straßenhaus, die dem Bauherrn aufgrund eines Fernsehauftritts in Erinnerung war. Vor Beginn der eigentlichen Haustrennung waren umfangreiche Vorarbeiten durchzuführen. So mußte das Dach stellenweise abgedeckt werden, um dem Seil einen störungsfreien Einlauf zu ermöglichen. Außerdem mußte eine 2 x 2 Meter breite Grube an der Hauswand 2,6 Meter tief ausgehoben werden, um die Führungsmasten zu verankern und die ebenfalls geforderte Trennung der Kellerbodenplatte zu ermöglichen (Bild 2). Das Sägesystem selbst besteht aus einem ferngesteuerten Hydraulikaggregat und einem Diamant-Sägeseil, das mit Hilfe eines Treibrades und verschiedenen Umlenkrollen von oben in die Trennfuge hineingeführt wird. Das 27 Meter lange Seil enthält rund 280 Schneidperlen mit Durchmesser von jeweils 21 mm. Durch die Abmessungen des Doppelhauses ist das Seil an den jeweiligen Außenbereichen durchhängend, was bei der Durchführung der Arbeiten berücksichtigt werden muß. Getrennt wurde an der geziegelten Giebelwand mit einer Seilgeschwindigkeit von 10 m/s. Aufgrund der bauseitigen Anforderungen mußte im Trockenschnitt gearbeitet werden. Bei der nachträglichen Herstellung von Trennfugen ist nicht auszuschließen, daß gelöste, kleinere Teile in der Trennfuge verbleiben. Diese wirken sich, ohne nennenswerte Spannung in der Fuge, hinsichtlich der Schalldämmung nicht negativ aus, so daß nach dem Trennen die 30 bis 40 mm breite Trennfuge wieder mit elastischem Fugenprofil verschlossen werden kann.

Leistungsverhalten

Im Verlauf der Arbeiten zeigt sich schnell, daß die bewehrte Zwischendecke nicht das einzige Problem darstellte. Festgestellt wurde z. B., daß der Beton bis zu 1,3 Meter tief in die Trennfuge verlaufen war und so den Bearbeitungsfortschritt deutlich behinderte. Bedingt durch den zu trennenden Stahlbeton kam es zu einer erheblichen Beanspruchung des Seiles. Außergewöhnlich starker Verschleiß, der zum Teil bis zur völligen Zerstörung des Trägerseiles führte, war durch lose im Material liegende Eisen zu verzeichnen. Schließlich wurden zwei Sägeseile zur vollständigen Trennung des Doppelhauses benötigt. Als Fazit bleibt festzustellen, daß trotz der Unwägbarkeiten, die bei solchen Projekten nie zu kalkulieren sind, die Arbeiten in der vorgesehenen Zeit abgeschlossen werden konnten. Die nachträgliche Anbringung von Trennfugen ist zwar aufwendig, die Kosten stehen jedoch in einer positiven Relation zu der erreichten Wertverbesserung optimal schallgedämmter Häuser. So wird sich u. a. nicht nur der Wiederverkaufswert, sondern vor allem das Wohlbefinden der Bewohner in nicht unerheblichem Maße erhöhen.

Bildnachweis: Hermann Schützeichel GmbH, Straßenhaus.

Dipl -Ing Klaus Schützeichel ist Geschäftsführer der Hermann Schützeichel GmbH, Straßenhaus.


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